Glenn Dixon – Wie ich dank Shakespeare in Verona die große Liebe fand

Liebe Julia, …

So beginnen die Briefe, die täglich in einen blutroten Briefkasten flattern. Es sind Briefe, die von unerfüllter, verlorener oder noch nie gefühlter Liebe erzählen. Briefe, die in großer Verzweiflung, Sehnsucht oder Trauer geschrieben wurden.

Liebe Julia,

ich bin nicht mehr jung, aber es gab eine Zeit, ja, es gab eine Zeit, als ich an die Liebe glaubte.

Sie alle sind adressiert an Julia – Verona – Italia.
Genauere Angaben sind nicht nötig. Jeder Postbote Veronas weiß, welche Julia gemeint ist. Es kann nur die Eine sein. Die Julia, die sich ihrer Liebe so sicher war, dass nur der Tod sie von dem Schmerz des Verlustes dieser Liebe erlösen konnte. Ausgerechnet diese Julia, die sich selber keinen klügeren Rat zu geben wusste, als in den Freitod zu gehen, haben die Romantiker dieser Welt zu ihrer Schutzpatronin erwählt.

Noch erstaunlicher jedoch als die Tatsache, dass liebeskranke Menschen aus aller Herren Länder ihren Herzschmerz einem fiktiven und über alle Maßen verzweifelten Teenager anvertrauen und diesen um Rat und Trost ersuchen, ist, dass auch jeder einzelne Brief mit Liebe und Sorgfalt handschriftlich beantwortet wird. Doch wie ist das möglich? Julia hat nie gelebt, und selbst wenn doch, wäre sie bereits seit vielen Jahrhunderten tot. – Es wäre nicht möglich, gäbe es nicht diese kleine Armee an fleißigen Helfern, die sich die Sekretärinnen (und ganz selten auch Sekretäre) Julias nennen, und die mit großen Herzen und viel Feingefühl unermüdlich die nicht endende Flut an Briefen beantworten.

Glenn Dixon, Autor und Protagonist dieser wahren Geschichte hat ebenfalls eine Zeitlang als Julias Sekretär Briefe beantwortet.

Ein Artikel des Smithsonian Magazine aus dem Jahr 1979 befand sich im Anhang seiner „Romeo und Julia“-Ausgabe, die er im Unterricht mit seiner Abschlussklasse verwendete. Neugierig geworden und mit eigenen Fragen die Liebe betreffend im Gepäck machte er sich in den Sommerferien auf den Weg nach Verona, um einige Wochen zumindest den englischsprachigen  Hilfesuchenden Rede und Antwort zu stehen.

Er beginnt seine Reise dennoch als Zyniker, der sich nur langsam dem Zauber Julias ergibt. Konfrontiert mit Liebeskummer jeglichen Schweregrades hauptsächlich junger Mädchen findet er nur allmählich den richtigen Ton für die Beantwortung der Briefe. Erschwerend kommt hinzu, dass er selber seit vielen Jahren unglücklich verliebt ist. Es ist die typische Geschichte einer einseitigen Verliebtheit. Doch anstatt zu akzeptieren, dass man Liebe nicht herbeidiskutieren kann, hofft er insgeheim, dass Julia auch in seinem Fall Rat weiß. Und so schreibt er ihr am letzten Tag vor seiner Rückkehr nach Kanada selbst einen Brief in der Hoffnung auf Antwort. Diese kommt auch prompt. Julias Antwort bestätigt ihn in seinem Vorhaben, noch ein letztes Mal für die Erfüllung seiner Liebe zu kämpfen, doch steuert er damit geradewegs auf eine Katastrophe zu, die ihn sein ganzes Leben neu überdenken lässt.

Diese große wahre Geschichte hat Leser auf der ganzen Welt begeistert – sie ist eine Hommage an Shakespeare, Verona und die Kunst des Briefeschreibens.

Dieser Satz auf der Rückseite des Buches hat mich zum Kauf animiert. Ja, es ist ein schöner Brief zitiert und auch Shakespeare kommt des öfteren zu Wort. Aber in erster Linie ist es ein Buch über einen Selbstfindungstrip und die Suche nach der großen Liebe. Ich würde nicht so weit gehen, es eine Hommage an Shakespeare, Verona oder die Kunst des Briefeschreibens zu nennen. Nein, definitiv nicht.

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