Tom Hillenbrand – Der Kaffeedieb

Obediah Chalon, Spross eines zwangsenteigneten, weil katholischen Landadeligen aus Suffolk, hat sich mit Leib und Seele der Naturphilosophie verschrieben. Das kostenintensive Leben als Virtuoso in London finanziert er mit hochriskanten Börsenspekulationen. Da nicht alle Wetten zu seinen Gunsten ausgehen, hilft er gelegentlich mit Dokumentenfälscherei nach.
Nach diversen Fehlspekulationen, die ihn erst in die Randbezirke Londons und schließlich bis nach Holland getrieben haben, befindet er sich im Amsterdamer Zuchthaus und blickt trostlosen Jahren der Zwangsarbeit entgegen. Doch zu seiner größten Überraschung wird er ausgerechnet von einem Vorstandsmitglied der Vereinigten Ostindien Compagnie VOC ausgelöst. Er ahnt, dass seine Rettung wenig mit Nächstenliebe zu tun hat und tatsächlich stellt sich heraus, dass die geschäftstüchtigen Herren des VOC ihn auf eine abenteuerliche Mission zu senden gedenken, die seiner Schläue, Findigkeit, Skrupellosigkeit und nicht zuletzt Verbindungen in die République des Lettres, einem internationalem Briefzirkel von Gelehrten aus aller Welt, bedarf. Es geht um nichts geringeres, als den Türken ihr Kaffeemonopol abzujagen. Zu diesem Zwecke sollen auf einer sehr gut bewachten arabischen Kaffeeplantage einige Setzlinge entwendet und wohlbehalten nach Holland gebracht werden. Der Plan ist, wie seinerzeit bei Tulpen und Tabak geschehen, eigene Pflanzungen anzulegen und mit diesen Handel zu treiben.

Wer jetzt glaubt, es beginnt ein Abenteuer ohnegleichen, der irrt leider. Dieses Buch ist ein Beispiel dafür, wie der Klappentext die Erwartungen des Lesers in die Irre führen kann. Erwartet habe ich einen Abenteuerroman, bei dem ich fast das Gefühl habe, das Salz in der Seeluft schnuppern zu können, die Wüstensonne im Nacken brennen zu spüren, den Saft exotischer Früchte mein Kinn entlanglaufen und das Kitzeln unbekannter Gewürze in der Nase zu fühlen, die Anspannung vor dem Raub in den Gliedern sitzen zu haben und die Faust in die Höhe recken zu wollen, wenn es gelingt, den Verfolgern knapp zu entgehen. Stattdessen weiß ich jetzt, wie ein Adliger sich im ausgehenden 17. Jahrhundert nach dem dernier cri kleidet, wie man eine Nachricht unentschlüsselbar verschlüsselt, kann mit jedem Maat Seefahrerisch kauderwelschen, könnte wahrscheinlich ein Uboot steuern und eine Schuß- oder Stichwunde wie ein Hakim versorgen.
Der Autor liebt es offenbar, historische Ereignisse akkurat zu erzählen und nahtlos in die Handlung einzuweben. Das gelingt ihm ohne Zweifel, aber auch hier bleibt die Erzählung eigenartig seelenlos. Die Begeisterung für seltsame Apparaturen und wissenschaftliche Erkenntnisse spüre ich jedoch deutlich bei jeder detailverliebten Schilderung und Erläuterung. Der Autor beschreibt auf vielen Seiten die Vorbereitungen zu dem waghalsigen Unternehmen, doch die entscheidenden Ereignisse und Wendungen erfährt man nur durch Wiedergaben in Briefform. Einerseits ist das ein genialer Trick, um Erzählzeit zu sparen, andererseits habe ich mich als Leser um das Abenteuer betrogen gefühlt. Der eigentliche Raub, also das entscheidende Ereignis, worauf alle Vorbereitungen und Anstrengungen hinauslaufen, wird überhaupt nicht erwähnt, sondern als Legende in einer vorgegriffenen Rückblende erzählt. Ich kann nicht leugnen, dass ich den Trick erzählerisch sehr gelungen finde, aber am Ende frage ich mich, ob es dem Autor möglicherweise an Fantasie gefehlt haben mag, ein Abenteuer, zu dem keine konkrete historische Vorlage existiert, zu ersinnen und mit genügend Details auszuschmücken.

Das Gleiche gilt für die Figuren. Als Protagonisten habe ich einen charismatischen Sunnyboy erwartet, der Gefahren frech ins Gesicht lacht, der die Frauen verführt und sich den einen oder anderen Gefallen erschwindelt. Doch ganz offensichtlich hat der Autor seine Prioritäten auf ganz andere Aspekte gelegt. Sein Protagonist ist eher unsportlich, etwas linkisch, ein verträumter Bücherwurm und Frauen gegenüber völlig unbeholfen. Doch auch wenn ich hier einige seiner Züge aufzähle, bleibt die Figur dem Leser seltsam fern, farblos und fremd. Andere Figuren des Romans charakterisieren ihn als verschlossen und kompliziert. Aber sollte die Hauptfigur eines Romans auch seinen Lesern undurchschaubar und verschlossen bleiben? Und die restlichen Akteure? Bis auf den Kapitän der Musketiere, Gatien de Polignac, der Chalon aus völlig falschen Gründen auf die Spur gesetzt wird, bleiben alle Figuren im Skizzenstadium. Sie sind Stichwortgeber, die für den Verlauf oder eine Wendung der Handlung notwendig sind, aber mehr auch nicht.

Fazit: Mir war, als schaute ich mir ein riesengroßes, sehr detailreiches Gemälde zu einer historischen Schlacht an, ein Film wollte sich jedoch nicht in meinem Kopf abspulen. Es bleibt die Frage, ob die Enttäuschung nur durch den irreführenden Klappentext zu erklären ist oder ob der Geschichte schlicht eine Handlung fehlt.

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