Thomas Piketty – Das Kapital im 21. Jahrhundert

Das erste Sachbuch, dem ich einen Blogbeitrag widmen möchte, oder eigentlich sehr viele Beiträge, ist eine ziemliche Herausforderung an mich selbst, da ich zugegebenermaßen wenig bis gar keine Vorbildung in Wirtschaftsfragen habe. Nichtsdestotrotz reizt es mich, mir einen Zugang zu diesem komplexen Thema zu erarbeiten. Um mich selber nicht zu überfordern, werde ich das Buch hier Kapitel für Kapitel rekapitulieren und versuchen, jeweils eine Quintessenz für mich zu ziehen. Jeder der mitliest, ist herzlich eingeladen, seinen Senf abzugeben. Vielleicht ergibt sich sogar eine Diskussion zu dem in meinen Augen sehr spannenden Thema Ungleichheit, ihre Entstehung und Möglichkeiten ihres Abbaus. Und selbstverständlich bin ich dankbar für jeden Hinweis, falls ich mit einem gezogenen Schluss völlig daneben liegen sollte.
Los geht’s!


Einleitung

Normalerweise überspringe ich gerne Vorworte und Einleitungen, doch in diesem Fall liest sich die Einleitung eher wie eine Anleitung. Eine Anleitung, wie das Buch gelesen werden sollte. Ich erfahre, von welchen Prämissen ausgegangen wird, welche Vordenker auf diesem Gebiet die Basis geschaffen haben, auf welches Datenmaterial sich diese Untersuchung stützt und in welchem geografischen und historischen Rahmen wir uns bewegen. Sogar eine Zusammenfassung der Schlussfolgerung wird bereits in der Einleitung gegeben. Außerdem werden einige besonders häufig verwendete Begriffe und Formeln eingeführt.

Also, worum geht es eigentlich? Es geht um privates Vermögen und dessen ungleiche Verteilung zwischen jenen, die besitzen und jenen, die den Besitz erarbeiten. Seit den Anfängen der Industrialisierung haben Ökonomen darüber spekuliert, Politiker debattiert und Romanciers fabuliert. Unter den Ökonomen bezieht sich Piketty explizit auf Thomas Malthus, David Ricardo, Karl Marx und Simon Kuznets. Was waren ihre Thesen?

Thomas Malthus (1766 – 1834)

Unter dem Eindruck der französischen Revolution steht für Malthus fest, dass Bevölkerungswachstum und Nahrungsmittelproduktion im Gleichgewicht sein müssen und Überbevölkerung eine reale und unter allen Umständen zu bekämpfende Bedrohung für die Stabilität der Gesellschaft darstellt. Seine Forderung lautet daher, dass es keine Unterstützung für Arme geben dürfe und gleichzeitig eine strenge Geburtenkontrolle für diese gelten müsse.

David Ricardo (1772 – 1823)

Ausgehend davon, dass Bevölkerung und Nahrungsmittelproduktion immer weiter wachsen, wodurch die Bodenpreise immer höher steigen, werden die Grundbesitzer immer reicher im Vergleich zur restlichen Bevölkerung. (Wie kann die Nahrungsmittelproduktion weiter wachsen, wenn der Boden knapp wird??) Hierin sieht Ricardo die Gefahr der Zerstörung des sozialen Gleichgewichts. Er sieht in der proportional mit steigenden Besteuerung der Bodenrente die einzige Lösung. (Soll heißen, nur der Staat, also die Besteuerungsinstitution profitiert? Wären dann nicht alle, sprich Grundbesitzer und deren Pächter bzw. Landarbeiter gleichermaßen unzufrieden?)

Stichworte: Knappheitsprinzip, Gesetz von Angebot und Nachfrage

Karl Marx (1818 – 1883)

Ein halbes Jahrhundert nach Ricardos „Grundsätzen“ herrschen grundlegend veränderte soziale und wirtschaftliche Verhältnisse. Das Wirtschafts- und Bevölkerungswachstum hat zu einer massiven Landflucht geführt und die „elende Lage des Industrieproletariats“ rückt in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit.

In den Städten entwickelt sich eine neue Not, die sichtbarer, schockierender und mitunter noch extremer ist als die Armut auf dem Land im Ancien Régime.

Einleitung, S. 21

Obwohl der Kapitalanteil (d.h. Gewinne aus Industrieunternehmen, Bodenrente, Mieten in den Städten) am Nationaleinkommen Englands und Frankreichs in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts massiv steigt, stagnieren die Arbeiterlöhne auf dem Niveau des vorigen Jahrhunderts oder sinken sogar darunter. Die Diskrepanz zwischen Kapitalwachstum und Steigerung der Arbeitslöhne steigt in einem Maße, dass das Versagen des politischen und ökonomischen Systems deutlich sichtbar wird. Unter diesem Eindruck prophezeit Marx im Kommunistischen Manifest 1848:

Mit der Entwicklung der großen Industrie wird also unter den Füßen der Bourgeoisie die Grundlage selbst hinweggezogen, worauf sie produziert und die Produkte sich aneignet. Ihr Untergang und der Sieg des Proletariats sind gleich unvermeidlich.

S. 22

In seinem darauffolgenden, jedoch nicht mehr von ihm beendeten Werk „Das Kapital“ kommt er zu dem Schluss, dass „die zwangsläufige Tendenz des Kapitals, sich ohne natürliche Grenze zu akkumulieren und zu konzentrieren“ dazu führt, dass sich die Kapitalisten entweder gegenseitig zerfleischen (wenn der Profit sinkt), oder sich die Arbeiter zum gemeinsamen Aufstand verbünden (wenn der Anteil des Kapitals am Nationaleinkommen unbegrenzt weiter wächst). Ein stabiles sozio-ökonomisches oder politisches Gleichgewicht wäre in beiden Fällen nicht möglich.
Der erste Weltkrieg von 1914 – 1918 und der ihm folgende Aufruhr in Politik und Ökonomie haben die damalige Entwicklung nachhaltig unterbrochen, so dass nicht zu sagen ist, ob die ungleiche Verteilung weiter zugenommen und sich Marx‘ Prophezeiung bewahrheitet hätte. Nichtsdestotrotz gilt, dass Marx‘ Prinzip der unbegrenzten Akkumulation eine Einsicht enthält, die auch im 21. Jahrhundert Gültigkeit besitzt:

Wenn das Wachstum der Bevölkerung und der Produktivität relativ schwach ist, erlangen die in der Vergangenheit angehäuften Vermögen zwangsläufig eine beträchtliche, potentiell unverhältnismäßig große Bedeutung, die sich auf die betreffenden Gesellschaften destabilisierend auswirken kann.

S. 25

(Aber war nicht anfangs die Rede davon, dass sowohl Bevölkerung als auch Produktivität stark gewachsen waren und nur das Lohnniveau die Steigerung nicht annähernd im gleichen Maße abbildete?)

Simon Kuznets (1901 – 1985)

Nach den Schwarzsehern kommt jetzt ein Idealist zu Wort. Kuznets Theorie besagt kurz gefasst, dass man den Dingen ihren Lauf lassen soll, da sich mit der Zeit alles von alleine reguliert, so auch die Einkommensungleichheit. Seine Theorie basiert auf gründlichen statistischen Auswertungen der Einkommensteuererklärungen in den USA von 1913 bis 1948 einerseits und der Schätzung des Nationaleinkommens der USA andererseits. Die Einführung der Einkommenssteuer ab 1913 ermöglicht es erstmals, eine verlässliche Schätzung des Nationaleinkommens vorzunehmen, was wiederum erst eine Bestimmung der hohen Einkommen am Nationaleinkommen möglich macht.
Thomas Piketty ist jedoch der Auffassung, dass Kuznets und seine Mitstreiter einen von politischen und wirtschaftlichen Verwerfungen verfälschten Blick auf die Entwicklung hatten. Zwei Weltkriege und die Weltwirtschaftskrise haben viel Privatvermögen vernichtet, sodass sich das Verhältnis zwischen Kapital und Einkommen anglich und (vor allem in den Vereinigten Staaten) mehr Chancengleichheit bot. Seit 1970 wächst die Ungleichheit wieder kontinuierlich und hat seit Beginn der 2000er Jahre wieder das Niveau von 1910-1920 erreicht.

Die Datenquellen

Wie Kuznets vor ihm, verwendet Piketty die Einkommensteuererklärungen ab ihrer Einführung zur Feststellung bzw. Schätzung der Dezile und Perzentile der hohen Einkommen. Die jeweiligen National- und Durchschnittseinkommen sind den Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen (Was ist das?) entnommen. Zu Aussagen über die Verteilung der Vermögen und Kapitaleinkommen bedient sich Piketty der World Top Income Database WTID (inzwischen World Wealth and Income Database WWID), Erbschaftssteuererklärungen und Vermögenssteuererklärungen.

Schlussfolgerungen

Die erste Schlussfolgerung lautet, dass man sich vor jedem ökonomischen Determinismus auf diesem Gebiet hüten muss: Die Geschichte der Vermögensverteilung ist immer auch eine durch und durch politische Geschichte und lässt sich nicht auf rein ökonomische Mechanismen reduzieren.

S. 39

Wie oben schon angesprochen, geht der Rückgang der Einkommensungleichheit in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts auf die beiden Weltkriege und die daraus resultierenden politischen Veränderungen zurück. Auch die Rückkehr zur größeren Ungleichheit ab 1970 ist größtenteils Ergebnis steuer- und finanzpolitischer Entscheidungen. Ganz wichtige Erkenntnis ist meiner Meinung nach, dass das Empfinden über Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit der ökonomischen, politischen und sozialen Akteure und deren Kräfteverhältnis untereinander maßgeblich an der Entwicklung der Ungleichheit beteiligt sind.

Die zweite Schlussfolgerung, die den Kern dieses Buchs ausmacht, lautet, dass bei der Dynamik der Vermögensverteilung starke Mechanismen am Werk sind, die entweder in Richtung Konvergenz oder Divergenz drängen, und dass es keinen natürlichen und von selbst ablaufenden Prozess gibt, der verhindert, dass die destabilisierenden und inegalitären Tendenzen sich dauerhaft durchsetzen.

S. 40

Der stärkste konvergenzfördernde Mechanismus für eine Egalisierung der Lebensbedingungen innerhalb der Länder als auch weltweit ist die Verbreitung von Wissen und Qualifikation. „Indem die weniger entwickelten Länder die Produktionsmethoden der reichen Länder übernehmen und deren Qualitätsniveau erreichen, verringern sie ihren Produktivitätsrückstand und erhöhen ihre Einkommen.“ Hier ist die Politik gefordert, in Bildung und Ausbildung zu investieren.

Der stärkste divergenzfördernde Mechanismus in Richtung Ungleichheit findet statt, „wenn die Kapitalrendite deutlich über der Wachstumsrate liegt“. In diesem Fall vergrößern sich ererbte Vermögen automatisch schneller als jene durch Produktion und Einkommen erwirtschaftete. Die hierdurch entstehende Kapitalkonzentration erreicht im Laufe der Zeit ein so hohes Niveau, „dass sie mit dem Leistungsprinzip und den Grundsätzen sozialer Gerechtigkeit, die die Basis unserer modernen demokratischen Gesellschaften bilden, potentiell nicht mehr vereinbar ist.“

Dieser Zustand findet seinen Ausdruck in der Formel r>g, wobei r für Kapitalrendite und g für die Wachstumsrate steht.

Laut Piketty ist für den Zustand r>g mitnichten ein unvollkommener Markt verantwortlich, im Gegenteil: je perfekter der Markt, desto bessere Bedingungen für r>g. Seine Befürchtung, dass die Gesellschaft und mit ihr die Politik weltweit mit restriktiven und protektionistischen Tendenzen darauf reagieren würde, hat sich leider bewahrheitet.

Gut, ich denke, ich bin nun bereit für Kapitel 1 🙂

4 Gedanken zu “Thomas Piketty – Das Kapital im 21. Jahrhundert

  1. Wie schön, es geht um ein Sachbuch! Da ist für mich als Sachbuch-Leser natürlich erfreulich.

    Ich finde es auch toll Deine Gedanken und Zusammenfassungen zu lesen, gerade WEIL Du gar nicht aus dem Finanzbereich kommst. Und dafür machst Du das ziemlich gut.

    Wie Du unter anderem richtig schreibst:
    „Wie oben schon angesprochen, geht der Rückgang der Einkommensungleichheit in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts auf die beiden Weltkriege und die daraus resultierenden politischen Veränderungen zurück. “
    Große Krisen sind immer nur für die Masse der Menschen schlecht. Ein paar wenige gingen und gehen stets als große Gewinner aus jeder Krise. Die größten Vermögen werden in Krisen gemacht! Siehe der Kennedy-Clan beispielsweise.

    Ich bin jedenfalls gespannt, ob es mit Deinem Artikel an der Stelle weiter geht…
    Also danke schon mal bis hier hin! 🙂

    1. Ah, ich muss zugeben, ich habe das Buch seit dem ersten Artikel noch nicht wieder zur Hand genommen. Aber jetzt, wo ich um ein erwartungsvolles Publikum weiß, bin ich natürlich maximal motiviert, schnell Nachschub zu liefern 😉

      Danke für das Lob! Hast du das Buch gelesen?

  2. Ich habe es selbst nicht gelesen. Aber das Thema Finanzen ist für mich stark im Fokus.

    Und da habe ich auf Deinem Blog einfach gestöbert, ob Du auch etwas zu Sachbüchern hast. Dann habe ich das hier gefunden.

    Deine Rezension fällt sehr detailliert aus. Das ist dann für Dich bestimmt schon auch ein bisschen anstrengend, wenn Du so gar nicht im Thema bist. Aber interessant, auf was für Bücher Du als fachfremder Leser so kommst. 🙂

    1. Es ist ja eigentlich auch weniger eine Rezension, sondern eine Hilfe für mich selber, das Gelesene zu verstehen. Ein sehr spannendes Thema über das man sicher stundenlang hitzig diskutieren kann. Wenn man die Hintergründe versteht. Ich verstehe sie noch nicht, aber ich arbeite daran 🙂

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