Arthur Golden – Die Geisha

Es war einmal ein schönes Mädchen mit Augen in der Farbe von Wasser. Da sie beide Eltern verloren hatte, wurde sie in das Kirschblütenland verkauft, denn eltern- und vor allem mittellose Mädchen konnten nur dort auf ein Happy End hoffen. Die böse Stiefmutter und die nicht minder bösen Stiefschwestern ließen sie jedoch als Magd die niedersten Dienste verrichten. Sie wurden es auch nicht müde, sie zu demütigen und zu züchtigen. Eines Tages, als sie an einem Fluß über ihr trauriges Schicksal bittere Tränen vergoss, schenkte ihr ein freundlicher Ritter eine Münze für ein süßes Wassereis und trocknete ihre Tränen mit seinem Monogramm-bestickten Taschentuch. Fortan träumte das Mädchen von nichts anderem mehr als von ihrem Ritter mit dem Duft nach Talkumpuder. Sie sprach ein Gebet und wünschte sich von den Göttern, dass sie diesen Ritter eines Tages wiedersehen würde und bei ihm bleiben dürfe.

Einige Jahre zogen ins Land und es geschah nichts, das das Mädchen mit den Wasseraugen ihrem Traum näher gebracht hätte. Doch eines Tages erschien wirklich eine Fee im Hause der Stiefmutter und verhandelte hart mit ihr über das Schicksal der Magd. Und dann begann der Zauber. Nicht mit dem Zauberstab sondern mit hartem Training und viel Leid im Namen der Schönheit verwandelte die Fee die hübsche aber plumpe Magd in eine Prinzessin… ähm… Geisha.

Sie war nun eine Künstlerin, die musizieren, singen, tanzen und kultiviert Konversation betreiben konnte und auf keinen Fall mit einer Prostituierten zu vergleichen war. Und doch hingen ihre Zukunft und ihr Ansehen davon ab, wie hoch ihre Jungfräulichkeit versteigert werden würde. Selbstverständlich hatte sie nicht mitzuentscheiden, wer für sie bieten durfte. Denn in dem wunderschönen Kirschblütenland war sie nur eine unbedeutende Kirschblüte unter unzähligen bedeutungslosen Kirschblüten.

Schon bald nach ihrer Verwandlung in eine Prinzessin… ähm… Geisha traf sie den herrlichen Ritter wieder. Doch sie durfte ihre Zuneigung nicht offenbaren, denn die böse Stiefschwester hatte geschworen, sie zu vernichten, sollte sie jemals glücklich werden. Also ersannen sie und ihre Fee einen Plan, die böse Stiefschwester zu täuschen. Alle sollten denken, dass das Wasseraugenmädchen mit dem einarmigen Vetter des Ritters verbunden werden sollte. Und tatsächlich ging der Plan auf. Der Plan ging sogar so gut auf, dass sogar der Einarmige glaubte, es sei wahr. Nun gilt im Kirschblütenland die Ehre sehr viel mehr als das Glück, daher konnte der Ritter, der die Prinzessin… ähm… Geisha im Geheimen ebenfalls ganz reizend fand, sie nicht für sich beanspruchen, da er seinem Vetter die Rettung seines Reiches verdankte. Nur wenn der Einarmige die Prinzessin… ähm… Geisha verstieße, würde der Ritter um sie werben können. Als der Prinzessin… ähm… Geisha das klar wurde, beschloss sie eine weitere List anzuwenden, um die Gunst des Einarmigen abzuschütteln. Doch die zweite Stiefschwester, die es ihr übel nahm, dass die Stiefmutter nach der überaus einträglichen Jungfern-Versteigerung nun sie in allem bevorzugte, vereitelte ihren Plan.

Nach vielen unglücklichen Wochen und Monaten erhielt die Prinzessin… ähm… Geisha ein Engagement, eine Gesellschaft mit ihren Künsten zu unterhalten. Wie sich herausstellte, wartete allein ihr Ritter in den Räumen der Veranstaltung, um ihr endlich seine Gefühle zu offenbaren und ihr ein gemeinsames Leben anzutragen. Nun ja, zumindest die Abende in einem versteckten Liebesnest. Denn das ist das, was man im Kirschblütenland unter einem Happy End versteht… Mehr hat eine Prinzessin… ähm… Geisha nicht zu erwarten.

Auch wenn es vielleicht nicht so klingt – ich fand die Geschichte toll!
Ich glaube, niemand schreibt romantischere Bücher mit reineren, treueren und unschuldigeren weiblichen Hauptfiguren als ein Mann. Aschenputtel stammt ja ursprünglich auch aus der Feder eines Mannes.
Warum nur kann ich mir den Spott nicht verkneifen…? 😉

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