Simon Beckett – Leichenblässe

Die Geschichte um David Hunter, den depressiven forensischen Anthropologen aus dem englischen Manham geht in die dritte Runde.

Nachdem unser britische Protagonist nur knapp einen Mordanschlag überlebt hat und auch seine Beziehung zu Jenny zerbrochen ist, hat er allen Grund noch etwas depressiver als üblicherweise zu sein. Um etwas Abstand zu gewinnen, reist David Hunter in die Vereinigten Staaten. An den Ort, wo derartige Traumata sicherlich am besten geheilt werden – eine Bodyfarm. Und nein, eine Bodyfarm ist keine Beautyfarm für Männer, sondern eine forensische Forschungseinrichtung, in der alle Stufen der Verwesung unter allen erdenklichen Umständen beobachtet und ausgewertet werden. Für normalsterbliche Menschen ein Ort mit Traumagarantie, für forensische Anthropologen, Gerichtsmediziner und dergleichen möglicherweise ein Ort kontemplativer Meditation.

Mitten in die Idylle friedlich vor sich hin faulender Leichen platzt der Fund eines Mordopfers in einer Jagdhütte. Um die Lebensgeister seines ehemaligen Studenten wieder aufzurütteln, schlägt Institutsleiter Tom Lieberman David vor, ihn zu begleiten und bei den Untersuchungen zu unterstützen. Etwas zögerlich nimmt dieser den Vorschlag an, denn zur Depression haben sich auch massive Unsicherheiten bezüglich seines Könnens hinzugesellt. Angekommen am Schauplatz des Verbrechens erwartet sie ein Anblick und ein Aroma mit ganz außerordentlichem Bäh-Faktor. Und der Autor lässt es sich nicht nehmen, den Bäh-Faktor in allen Einzelheiten zu beschreiben. Schon beim Lesen überkommt mich das Bedürfnis, meine Nase komplett in eine Dose Mentholsalbe zu stecken und nach einer Kotztüte zu greifen. Dieses Business ist eindeutig nichts für Weicheier mit zimperlichen Geruchsknospen.

Ein mediengeiler Profiler, der zu den Ermittlungen hinzugezogen wird, attestiert schnell, dass es sich um einen Serienmörder handeln muss und auch ein Verdächtiger wird schnell gefunden. Weitere Leichen tauchen auf, doch nicht alle sind durch die Hand des Täters umgekommen, auch wenn alle Todesfälle miteinander verwoben sind. Besondere Schwierigkeiten haben die Forensiker mit der Bestimmung des Todeszeitpunkts der Mordopfer, da ihr Verwesungsgrad mit den übrigen Hinweisen nicht übereinstimmen. Noch schwieriger erscheint die Bestimmung der Todesursache, denn die Spuren weisen in zwei sich ausschließende Richtungen. Als Leser hat man einen geringen Wissenvorsprung gegenüber den Ermittlern im Buch, denn in die Handlung sind Gedanken des Mörders eingewoben, die zwar keine Rückschlüsse auf seine Identität zulassen, aber einen Einblick in seine Motivation und das Ausmaß seiner psychischen Störung gewähren. Immerhin erfährt man, wie grundlegend falsch der Profiler mit seinen Vermutungen liegt.

Nach anfänglichen Startschwierigkeiten, nicht zuletzt aufgrund massiver Ressentiments der amerikanischen Ermittler gegenüber einem britischen Kollegen, findet David zu seiner alten Form zurück und erweist sich als nützliche Hilfe für seinen ehemaligen Professor, der zu allem Überfluss auch noch mit Alterszipperlein wie einer Angina Pectoris zu kämpfen hat. Vor allem dem Leiter der Pathologie ist Davids Beteiligung an den Ermittlungen ein Dorn im Auge und er lässt keine Gelegenheit ungenutzt, um David als Amateur und Dilettanten hinzustellen, der den Erfolg der Ermittlungen gefährden könnte. Eine unerwartete und tragische Wendung hat zur Folge, dass David Hunter stärker an der Aufklärung der Mordfälle beteiligt wird, als er anfangs vermutet hätte und als ihm lieb ist. Auch seine Libido meldet sich stärker, als er für möglich gehalten hätte, zurück.

Insgesamt beginnt die Geschichte in einem sehr langsamen, beinahe zähflüssigen Tempo. Erst nach der Hälfte des Buches nimmt die Story an Fahrt auf, um zum Ende mit sich überschlagenden Ereignissen und einem Wettlauf gegen die Zeit dem Leser, der bis hierhin durchgehalten hat, den Atem zu rauben. Es ist kein Buch, das man nach den ersten Seiten nicht mehr aus der Hand legen mag und auch der Täter wird nicht durch gute Ermittlungsarbeit überführt. Vielmehr stolpern die Akteure ziemlich ratlos den Finten und falschen Spuren des wahren Täters hinterher und die Aufklärung übernimmt letztendlich König Zufall.

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